BOOT 2018 – Yachten, Technik und ein Treffen mit einer Legende

von Hendrik Heimer / am 29.01.2018 / in Allgemein

Die BOOT in Düsseldorf ist sowas wie die fünfte Jahreszeit der Yacht-Branche. Oder wie ein zweites Weihnachten, nur besser. Auf jeden Fall eine wahre Pilgerstätte für jeden, der irgendwie mit Yachten oder deren Technik zu tun hat. Da muß man hin, sonst hat das Jahr nicht richtig angefangen. Umso mehr, wenn man gerade dabei ist, eine Yacht zu bauen. Nirgendwo sonst trifft man so viele Branchengrößen an einem Ort.

Und natürlich war ich auch auf der BOOT, um Oceanvolt dort mit Viator Marine zu repräsentieren. Die Messe versprach viele interessante Kontakte, da es nun mehr und mehr Projekte mit Elektroantrieben gibt, darunter auch so abgefahrene Pläne wie das Projekt Ant-Arctic-Lab von Norbert Sedlacek, der Einhand non-stop die Arktis und Antarktis umrunden möchte. Im Juli soll es losgehen.

Der Oceanvolt-Messestand auf der BOOT 2018 (im Vordergrund der AXC-Wellenantrieb der VOLT)

Die BOOT bietet aber auch die beste Gelegenheit, ein wenig über Yachten zu klettern und mit den eigenen Plänen zu vergleichen. Man findet auch immer interessante Details, die man vielleicht übernehmen könnte.

Garcia Exploration 45

Die Garcia ähnelt der VOLT von der Bauweise und Einsatzzweck vermutlich am ehesten, also gleich mal zum Stand von Blue Yachting, die auf der BOOT mit der Allures und Garcia zwei typische Blauwasseryachten ausgestellt haben.

Überrascht bin ich dann erstmal vom Cockpit der Garcia, da es erstaunlich wenig Platz bietet. Auf den Bänken kann man sich nicht ausstrecken, obwohl das Boot etwa 1 Meter länger als die VOLT ist. Wir haben da volle 2 Meter bei den Cockpitbänken (unser Layout hatte ich hier schon beschrieben). Gerade in warmen Revieren ist das Cockpit aber der zentrale Lebensraum und da braucht man auch viel Platz. Ebenso vermisse ich einen Cockpit-Tisch sowie einen ergonomischen Zugang zu den Winschen. Hier merkt man eben immer wieder, dass die Designer erhebliche Kompromisse schließen müssen, um unter Deck ausreichend Platz für die Achterkabinen zu schaffen. Das Problem haben wir bei der VOLT eben nicht, da konnten wir dem perfekten Design fast uneingeschränkt den Vorzug geben.

Gut sind die vielen Haltemöglichkeiten, speziell am Steuerstand. Überhaupt nicht gefallen hat mir allerdings, dass das gesamte Dach des Deckhauses – also des Salons und des Dogders im Cockpit – aus GFK ausgeführt ist. Das ist für eine Expeditionsyacht eigentlich ein absolutes no-go. Gerade das Dach kann im Extremfall, wenn z.B. der Mast bricht und auf das Dach schlägt, enormen Belastungen ausgesetzt sein. Wenn das Dach dann durchschlagen wird, hat man ein größeres Problem. Genau aus diesem Grund ging z.B. der Katamaran „Rainmaker“ (Gunboat) verloren, nachdem der gebrochene Mast das Dach und die Frontfenster durchschlagen hat und das einströmende Wasser die gesamte Elektronik ausser Funktion setzte. Eine Aluminiumyacht ist daher für mich immer ein komplett in Aluminium gefertigter Kasko – Rumpf, Deck und auch Dach.

Garcia Exploration 45 Cockpit

Die Sicht aus dem Decksalon ist doch recht eingeschränkt und nach achtern überhaupt nicht vorhanden. Auch hier wirkt unser Design mit einer echten 360-Grad Rundumsicht viel großzügiger. Der Steuerstand hat keine umklappbare Lehne, das hat mich überrascht. Ich hatte das so z.B. bei der Decksalonyacht der polnischen Werft Delphia gesehen. Ein sehr sinnvolles Feature, da es der ideale Ort für die Nachtwache ist.

Garcia Exploration 45 Decksalon

Ein wichtiges Detail ist die wasserdichte Tür zum Niedergang. Damit kann der Innenraum komplett abgedichtet werden und bildet einen sicheren Überlebensraum auf See. Das haben wir bei der VOLT auch so vorgesehen, allerdings mit einer anderen Türkonstruktion. Die üblichen Niedergangstüren oder Steckschote sind da eher eine Spielerei.

 

Wauquiez Pilot Saloon 42

Auf das Boot war ich sehr gespannt, da es nur sehr wenige neue Decksalon-Yachten  gibt und es ja genau der Größe der VOLT entspricht und daher ein gutes Gefühl für die Abmesungen vermittelt. Ich habe daher von dem Boot auch ein komplettes Video gedreht:

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Video-Link: https://youtu.be/9_pAtwZXNFk

Auch hier wieder der Eindruck, unser Cockpit bietet wesentlich mehr Platz. Um frei stehende Steuersäulen zu haben, muß man schon bei wesentlich größeren Booten schauen. Hier haben wir auch ein sehr hohes Brückendeck, um eben die Stehhöhe in der Achterkabine zu bekommen. Aber die hohe Stufe war etwas irritierend und vor allem auch nicht durch Haltegriffe gesichert (siehe Video).

Im Salon hat man zwar zu den Seiten im Sitzen den Blick nach Aussen, aber nach vorn nur im Stehen und nach Achtern mal wieder gar keine Sicht. Praktisch war aber die Nutzung des Platzes zwischen Sitzlehne und Fenster. Da gab es kleine Schaps und Stauraum hinter den Sitzlehnen, der über Klappen von oben erreichbar war.

Wauquiez PS42 Schaps

 

Jeanneau 440 (European Yacht of the Year 2018)

Bei der 440 war ich ja speziell auf den Übergang zu den Seitendecks gespannt. Das war wirklich sehr komfortabel gemacht und ich bin froh, dass wir das über die 2 Stufen ähnlich gelöst haben. Die Ergonomie ist dadurch viel besser und man bewegt sich auch sicherer an Deck. Aber die Anordnung der Genua-Winschen bei der 440 ist gruselig. Wie die Leinen da ankommen sollen, ist mir ein Rätsel, das läuft vermutlich über zig Umlenkblöcke. Das Video zeigt das komplette Boot, aber eigentlich konnte ich für uns nur den Aufgang auf die Seitendecks mitnehmen.

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Video-Link: https://youtu.be/jYsdP8JuJk8

Simarine

Die Produkte des jungen slowenischen Startups Simarine waren mir schon auf der METS aufgefallen. Aber erst auf der BOOT hatte ich die Gelegenheit, mich mit den Entwicklern ausführlich zu unterhalten. Das Hauptprodukt ist ein sehr schickes digitales Switchboard für Yachten:

Simarine Switchboard

Das Board wird dann noch um eine ganze Palette von elektronischen Komponenten ergänzt, um Geräte ansteuern oder Sensoren lesen zu können. Das Display „Pico“ läßt sich komplett frei programmieren und sehr einfach über eine App konfigurieren. Als nette Ergänzung gibt es sogar einen Barographen. Und natürlich kann man auch alles über das Smartphone bedienen.

Auf unserem „Testboot“ – der Seascape 27 PURE – werden wir über den Winter mal ein kleines Switchboard von Simarine einbauen und darüber die Verkabelung laufen lassen. Da wir ja die Optik in Carbon halten wollen, nehmen wir dann die schwarze Variante des Boards. Da bin ich schon gespannt.

Neue Pläne der VOLT

Natürlich nutzten wir die BOOT auch für ein Meeting mit unserem Yacht Designer Herrn Menzner, um den aktuellen Status der Pläne zu besprechen. Da hat sich viel getan. Nachdem wir das Cockpit- und Deck-Layout weitgehend abgeschlossen hatten, ging es tief in die Eingeweide der VOLT. Die 200 kg Li-Batterien mit knapp 40 kWh Leistung fanden ihren Platz direkt hinter dem Kiel und exakt im Schwerpunkt. Davor die 2 x 250 Liter Diesel und seitlich die 2 x 200 Liter Wassertanks. Damit sind die größten Gewichte im Rumpf verteilt. Allers sehr zentral angeordnet, um Bug und Heck möglichst leicht zu halten. Ich werde das noch in einem getrennten Blogbeitrag vorstellen.

Ein weiterer Beitrag wird den Segelplan der VOLT zeigen – unseren Hauptantrieb! Die Zahlen stehen für eine ausgezeichnete Performance. Beim Wunschgewicht von unter 10 Tonnen hätten wir mit Großsegel (57 qm) und Genua (50 qm) eine Segeltragezahl (STZ) von 4,8 und mit Großsegel und Gennaker (160 qm) eine STZ von enormen 6,8. Für eine Aluminium-Fahrtenyacht sind das extrem gute Werte und stehen für gute Leichtwindeigenschaften!

Zum Vergleich: Die etwas größere (und damit theoretisch schnellere) Garcia Exploration 45 hat bei einem Gewicht von 14,6 Tonnen und einer Segelfläche mit Großsegel (50 qm) und Genua (41 qm) von 91 qm eine STZ von nur 3,9. Das Boot ist einfach viel zu schwer und verfügt über weniger Segelfläche als unsere kleinere VOLT.

Erläuterung zur „Segeltragezahl“ (STZ): es ist eine Kennzahl für Segelschiffe, die die Segelfläche ins Verhältnis zur Verdrängung einer Yacht setzt. Eine hohe STZ > 5 ist ein Hinweis auf eine hohe Performance, Agilität und beste Leichtwindeigenschaften, aber auch auf eine Yacht, die ein etwas aktiveres Segeln erfordert. Eine niedrige STZ < 4 deutet eher auf eine langsame Yacht hin, die erst bei mehr Wind in Fahrt kommt, die aber auch einfacher zu segeln ist.

Besonders hat mich dann aber noch ein Besuch von Herrn Gunkel (Chefredaktion YACHT-Magazin) gefreut, der trotz der 42 Neuvorstellungen auf der BOOT noch die Zeit fand, sich unser Projekt erklären zu lassen.

Menzner Gunkel Heimer

Von links nach rechts: Herr Menzner, Herr Gunkel und natürlich „Captain Jack“

Ich werde auch immer wieder nach den Kosten für so ein Projekt gefragt. Das kann man aber seriös erst beantworten, wenn man die Ausschreibung durchgeführt hat – was erwartungsgemäß Anfang 2. Quartal passieren wird. Aber man kann ja die Preise ähnlicher Boote vergleichen, wobei man die sehr umfangreiche Ausrüstung berücksichtigen muß, die bei der Viator Explorer 42 DS bereits standardmäßg im „Grundpreis“ enthalten wäre (z.B. Kutterstag, hochwertige Segel inkl. Code 0 und Gennaker, Anker mit Kette, Generator, Wassermacher, usw.). Da liegt dann die Garcia Exploration 45 bei mind. 700.000 EUR. Den Preis für eine segelfertige Bestevaer 45 PURE hat mir KM ebenfalls mit 700.000 EUR angegeben. Und von der vergleichsweise einfachen Sirius 40 DS, die sicherlich hochwertig ausgebaut ist, aber eben kein Aluminium ist, hört man auch dieses Budget. Es ist daher wohl ein realistisches Budget, an dem man sich als Eigner orientieren sollte.

„I was looking for you“

Mein persönliches Highlight auf der BOOT war aber eine Begegnung, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich bin gerade auf der Garcia mit meiner Kamera unterwegs, als ich unvermittelt angesprochen werde:

„I was looking for you“

Ich drehe mich um, und da steht tatsächlich Jimmy Cornell. Die Legende. Der Erfinder der ARC. Der Bezwinger der Nordwest-Passage, der auch die Entwicklung der Garcia Exploration 45 ganz entscheidend geprägt hatte. Ich war erstmal sprachlos. Doch es zeigte sich schnell, dass er ein ganz symphatischer Typ ist, dem der Ruhm überhaupt nicht zu Kopfe gestiegen war.

Was ich nicht wußte, Jimmy verfolgt unser Projekt und hatte viele Fragen speziell zum Antriebskonzept. Und am nächsten Tag kam er dann tatsächlich nochmal auf den Stand von Oceanvolt und ließ sich von mir alles zeigen. Wir werden auf jeden Fall in Kontakt bleiben und ich hoffe, eines Tages auch zusammen auf der VOLT zu segeln.

Jimmy Cornell

 

 

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