Die Segel – der Hauptantrieb der VOLT

von Hendrik Heimer / am 02.02.2018 / in Allgemein

Die VOLT ist ja nun in erster Linie eine Segelyacht und damit sind die Segel auch der Hauptantrieb. Wir fahren sozusagen mit Windkraft – mit allen bekannten Vor- und Nachteilen. Weder Windrichtung noch -stärke kann man in irgendeiner Form beeinflußen, sondern kann sich nur danach ausrichten. Und nur selten ist die Windrichtung für das gewählte Ziel ideal. Deshalb braucht man auf einer Yacht ganz unterschiedliche Segel, um sich auf den verfügbaren Wind einstellen zu können. Der Segelplan definiert dann diese Kombination von Segeln.

Bei der VIATOR waren wir da relativ eingeschränkt gewesen. Der Segelplan bestand aus einer großen überlappenden Genua sowie einem Rollgroß, also einem Großsegel, das in den Mast aufgerollt wird. Dazu waren die Segel noch aus sehr schwerem Tuch, benötigten also recht viel Wind, um überhaupt erstmal ein Profil auszubilden. Wenn man noch von Profil reden konnte, da sie schon etwas betagt und damit ausgeleiert waren. Allerdings muß ich sagen, dafür segelte die VIATOR trotzdem noch sehr gut.

VIATOR Segelplan

Bild: Die VIATOR unter Segel auf Am-Wind-Kurs

Das größte Problem waren Am-Wind-Kurse bei starkem Wind, also ein Aufkreuzen gegen den Wind. Dann mußte man stark reffen, sodaß weder Genua noch Großsegel ein ordentliches Profil ausbilden konnten. So konnte man aber kaum Höhe gewinnen (also in Windrichtung durch ständiges Kreuzen voran kommen). In so einem Fall wechselt man dann auf ein kleineres Vorsegel, dass der Windstärke entspricht und auch hart am Wind noch effizient ist. Üblicherweise hat man dafür ein zweites Vorstag installiert, dass uns bei der VIATOR leider fehlte.

Bei der VOLT können wir ja nun alles besser machen, da planen wir auf einem leeren Blatt Papier. Bei der Zahl der Masten war eigentlich immer klar, bei nur 42 Fuß Länge sollte es eine Slup werden, also ein Einmaster. Theoretisch hätte es auch eine Ketsch mit einem Besanmast werden können, aber das hätte ein völlig anderes Deckslayout erfordert. Und bei den modernen Rümpfen mit Doppelruder braucht man kein Besansegel mehr, um den Kurs bei viel Wind zu stabilisieren. Bei sehr großen Yachten stößt die Masthöhe dann irgendwann an Grenzen, sodaß man einen zweiten oder gar dritten Mast hinzunimmt, um die notwendige Segelfläche zu erreichen.

Segelyacht vor Korfu

Bild: eine große Ketsch mit gerefften Segeln vor der Festung von Korfu-Stadt

Der Segelplan

Den aktuellen Segelplan der VOLT haben wir gerade von unserem Yacht-Designer Berckemeyer Yacht Design erhalten und daher möchte ich ihn im Blog kurz vorstellen. Mein großer Dank gilt hier Herrn Menzner, der unsere Anforderungen bestens umgesetzt hat. Da lohnt eben die Zusammenarbeit mit einem Top-Designer, dann stimmt auch das Ergebnis.

Der Ausschnitt aus dem Segelplan zeigt alle Segel der VOLT (mit Ausnahme der Sturmfock) und deren Abmessungen. Der Segelmacher könnte damit gleich loslegen und die Segel anfertigen. Aber soweit sind wir leider noch nicht. Der Segelplan besteht aus Großsegel (Main), Genua mit 108% Überlappung (Jib), Stagsegel (Stay Jib), Gennaker, Code 0 und der (hier nicht eingezeichneten) Sturmfock.

Auf ein wichtiges Detail möchte ich noch hinweisen. Das Großsegel ist ein sog. „Square-Top“, hat also keinen spitz zulaufenden Kopf, sondern einen eher breiten Abschluß. Das hat enorme Vorteile bei der Performance, denn der Wind ist am oberen Ende des Mastes um einiges stärker als auf Meereshöhe, also braucht man genau dort die Segelfläche. Man erkauft sich die Performance aber auch mit ein paar Nachteilen. So sind keine festen Achterstagen mehr möglich, da das Segel dort anstoßen würde, wenn es gefiert wird. Daher sind die Salinge um 30 Grad gepfeilt, um die Last aufnehmen zu können und auf Achterstagen zu verzichten. Es gibt nur fliegende Backstagen aus Dyneema, die zum Masttrim in Luv gesetzt werden.

Bild: Der Segelplan der VOLT (Auszug)

Im vorherigen Beitrag hatten wir ja schon die Segeltragezahl (STZ) erklärt und darauf hingewiesen, wie wichtig die Segelfläche für die spätere Performance ist. Aber die Segel müssen eben auch mit dem Kielbalast perfekt ausbalanciert sein, sonst würde eine Segelyacht bei viel Wind einfach kentern und sinken. Die Tabelle zeigt die Segelflächen. Dabei fällt sofort auf, dass die Flächen des Gennaker und Code 0 wesentlich größer sind. Das sind die sog. Leichtwindsegel aus sehr dünnem und leichtem Tuch, die mit ihrer enormen Fläche auch noch das kleinste bißchen Wind einfangen und es ermöglichen, bei fast Flaute noch zu segeln. Für das Konzept eines E-Antriebs ist die gute Leichtwindeigenschaft eine ganz wesentliche Voraussetzung. Solange man noch segeln kann, braucht man keinen E-Motor und man schont die begrenzte Batteriekapazität.

Segel Fläche (qm)
Main 57
Jib 50
Stay Jib 23
Gennaker 160
Code 0 90

Tabelle: die Segel und Segelflächen

Die Reffreihe

Durch die Kombination der Segel kann man nun für jede Windrichtung und -stärke die passenden Segel auswählen. Hier nutzen wir das Großsegel in Kombination mit einem Vorsegel. Natürlich sind das hier nur grobe Richtwerte und auch sehr von der eigenen Erfahrung abhängig. Grundsätzlich gilt, lieber zu früh als zu spät reffen.

 Bild  . Segel Windbereich (kn)
1 100% Main + 100% Genua (108%) 3 – 16
2 1. Reff Main + 100% Genua 15 – 22
3 1. Reff Main + 100% Staysail 18 – 26

 

Die Reffreihe setzt sich fort mit Bild 4-6 für die höheren Windstärken.

Bild  . Segel Windbereich (kn)
4 2. Reff Main + 100% Staysail 24 – 30
5 3. Reff Main + 100% Staysail 28 – 36
6 3. Reff Main + optional Sturmfock über 36

Die Leichtwindsegel

Eine ganz besondere Herausforderung für eine Segelyacht ist nicht nur zuviel Wind, sondern auch zuwenig Wind. Manche Segelreviere sind notorische Leichtwindreviere, wie z.B. das Ionische Meer im Sommer. Als wir 2014 mit der VIATOR rund um den Peloponnes gesegelt sind (Fotoalbum), hat es uns besonders schlimm erwischt. Von den etwa 800 Seemeilen mußten wir 500 Seemeilen unter Motor fahren. Den Golf von Korinth hatte ich damals in „Golf ohne Wind“ umbenannt.

Segeln ohne Wind

Bild: Segeln ohne Wind im Golf von Korinth

Der technische Fortschritt hat uns aber Leichtwindsegel wie den Code 0 oder den Gennaker aus einem sehr leichten Material beschert, mit denen man auch bei wenigen Knoten Wind noch ganz ordentlich segeln kann. Wir hatten das im Sommer 2017 An Bord der PURE schön testen können.

Video: Segeln mit Code 0

Allerdings darf man Leichtwindsegel – nomen est omen – nicht mit zuviel Wind überfordern, sonst hängen sie schnell in Fetzen vom Mast. Aber je achterlicher der Wind einfällt, desto mehr Wind ist möglich, da der scheinbare Wind durch die Eigengeschwindigkeit abnimmt. Die Tabellen verdeutlichen das.

Der Gennaker wird von Halbwind- bis tiefen Raumschotkursen im Windbereich von 3 bis 22 Knoten (wahrer Wind) gefahren. Die Winkel geben den wahren Wind (TWA = True Wind Angle) an. Zusätzlich wird noch das Großsegel und optional das Stagsegel gefahren, da dieses die Anströmung des Großsegels wesentlich verbessert.

TWA         . Windbereich (kn)
90-120° 3 – 8
100-140° 8 – 12
110-150° 12 – 18
130-160° 18 – 22

 

Der Code 0 ist ein echtes Allround-Segel, wird aber bevorzugt auf Am-Wind-Kursen eingesetzt und im Windbereich von 3 bis 25 Knoten (wahrer Wind) gefahren. Zusätzlich wird dazu das Großsegel gefahren.

TWA         . Windbereich (kn)
55-90° 3 – 8
60-100° 8 – 12
90-140° 12 – 18
130°-160° 18 – 25

Somit haben wir für jede Windsituation die optimalen Segel an Bord. Ist man gerade gemütlich auf hoher See unterwegs, und wird von einer sommerlichen Gewitterfront („Squall“) mit 8 Bft überrascht, so sieht man in der Reffreihe, was zu tun ist. Ein 3. Reff im Groß und das Stagsegel hoch. So passiert auf der VIATOR im Sommer 2014 vor Zakynthos – allerdings ohne den flexiblen Segelplan. Da hilft dann nur alle Segel runter und Motor an. Die Flagge hat es nicht überlebt.

Gewitterfront vor Zakynthos

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